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Undine - die geheimnisvolle Schöne aus dem Wasser

Von Undine und anderen Wasserjungfrauen berichten Mythen und Sagen. Ihre Schönheit und magische Kraft verdanken sie dem Element Wasser, denn Nixen, Nymphen, Nereiden und Najaden sind Wassergeister. Sie wohnen in Seen, Flüssen, Bächen und Quellen, sind reizend und unsterblich zugleich, aber seelenlos wie alle Naturgeister. Sie streben nach Vollkommenheit und sehnen sich nach einer Seele, die sie nur durch die Liebe eines Menschen gewinnen können - dies jedoch um den Preis der eigenen Sterblichkeit.

Im Bildzyklus "Undine - die Grenze zwischen mir und mir" interpretiert Barbara Meiler das Wasserfrauenmotiv aus weiblicher Sicht. Undine symbolisiert für sie die Ambivalenz jeder Paarbeziehung, die sich im stets wiederkehrenden Wunsch nach Nähe und Distanz manifes-tiert. Der Zyklus umfasst ca. 20 großformatige Acrylbilder, die über einen Zeitraum von meh-reren Jahren entstanden sind und aus der Verschmelzung verschiedener Themenbereiche hervorgehen. Zu nennen sind hier vor allem die Serie der Metamorphosen, ebenso die sym-bolhaften Darstellungen der vier Elemente.

Inspiriert durch die Lektüre der "Undine" des Romantikers Friedrich de la Motte Fouqué, vor allem aber durch Ingeborg Bachmanns Erzählung "Undine geht" fand Barbara Meiler in der Gestalt der Undine eine Metapher für die Unvereinbarkeit von Mann und Frau, der männlich-rationalen und der weiblich-emotionalen Sphäre.

Friedrich de la Motte Fouqué schrieb 1811 die Geschichte einer Undine, die als verwaistes Mädchen zu den Menschen kommt und von einem Fischerpaar als Ersatz für den Verlust des eigenen Kindes aufgenommen wird. Ein edler Ritter namens Huldbrand verliebt sich in die inzwischen herangewachsene Wasserjungfrau und durchlebt mit ihr Tage unbeschwerten Glücks. Der Versuch, Undine in die Menschenwelt einzuführen jedoch scheitert, und Huld-brand wendet sich von ihr ab. Zutiefst verletzt verlässt Undine die für sie fremde, unbarmher-zige Menschenwelt und kehrt zurück in ihr stilles Reich. Ihrem treulosen Gatten jedoch muss sie durch einen Kuss das Leben nehmen - so verlangen es die Naturgesetze der Wasser-geister.

Auch Ingeborg Bachmann wurde von Undines Gestalt inspiriert. Ihre Erzählung "Undine geht" zeigt aber eine über die Romantik hinausgehende Sichtweise. Zwar übernimmt sie alle traditionellen Elemente der Nixengeschichten: die Wassersymbolik, das Motiv des Verrats, die Erotik, das Wissen um die geheimen Kräfte der Natur, aber ihre Undine hat nicht - wie bei Fouqué - den Wunsch, die Liebe durch eine Ehe zu festigen. Sie äußert sich eher kritisch über das Zusammenleben von Mann und Frau und erkennt die Unvereinbarkeit ihres eige-nen Denkens mit den geltenden Normen der Gesellschaft. Sie entscheidet sich für die Ab-sonderung und gelangt somit ins gesellschaftliche Abseits. Nur im Augenblick der Vereini-gung kann und will sie aus ihrer Isolation ausbrechen, ist zur absoluten Grenzüberschreitung bereit, jedoch ohne sich selbst aufzugeben.

Dr. Roswitha Nees, Kunsthistorikerin aus Frankfurt